Dieses Märchen ist die Nacherzählung einer Weihnachtsgeschichte, die ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe. Leider ist das Buch irgendwo und den Autorennamen weiss ich auch nicht mehr. Die Geschichte ist mir auf jeden Fall geblieben und sie passt wunderbar zu dieser Jahreszeit.

 

Die Weihnachtsgans

 

Es war schon dunkel. Kalt sowieso. Schneefall, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Nicht das Wetter für einen Abendspaziergang. Der Mann mit der zu dünnen Jacke lief trotzdem an der Strasse entlang. Sein Auto hatte er in der Stadt müssen stehen lassen, da es kein Benzin mehr hatte und der Mann kein Geld mehr, um welches zu kaufen. Und so stolperte er frierend durch die dunkle Nacht und hoffte, dass seine Frau wenigstens heute etwas zu Essen mit nach Hause gebracht haben würde. 

Seine Frau und er waren arm. Ihr baufälliges Haus am Rande des Dorfes war ihr einziger Besitz. Ihre spärlichen Gehälter reichten meist nur knapp zum Leben. Und diesen Monat nicht mal mehr für Benzin. Dabei war in wenigen Tagen Weihnachten. Also auch dieses Jahr wieder keine Geschenke und nur Hafergrütze als Festmahl. Der Mann versuchte, nicht allzu frustriert zu sein. Das machte es ja auch nicht besser. 

Plötzlich sah er direkt vor sich etwas Weisses in dem Schneetreiben. Einen grossen weissen Klumpen zwischen all den Flocken, die durch die Gegend wirbelten. Er ging näher heran. Es war eine Gans. Die kauerte auf dem Boden und schien auch zu frieren. Der Mann schaute sich um. Keine Menschenseele weit und breit. Niemand, dem die Gans zu gehören schien. Eine Weihnachtsgans. Für ihn und seine Frau. Er zögerte noch ein bisschen, aber das Tier fror wohl wirklich, und so nahm er es vorsichtig auf den Arm und steckte es unter seine Jacke. Die restlichen Kilometer zu seinem Haus trug er die Gans und das war ganz gut, denn so konnten sie sich gegenseitig etwas wärmen.

Zu Hause angekommen, seine Frau war auch schon da und hatte tatsächlich etwas Hafergrütze gekocht, setzte er die Gans vorsichtig auf den Sessel am Kamin. 

„Schau mal, was ich gefunden habe“, rief er seiner Frau zu.

„Oh, eine Gans! Wo hast du die denn her?“, fragte seine Frau erstaunt.

„Die sass am Strassenrand. Ganz allein. Kein Mensch weit und breit. Da hab ich sie mitgenommen. Nun haben wir einen Gänsebraten zu Weihnachten,“ sagte der Mann ganz stolz.

Die Frau schaut die Gans nachdenklich an.

„Sie hat sicher Hunger“, meinte sie. Die Frau holte den Topf mit der Hafergrütze und drei Teller. Zu dritt sassen sie an dem Abend um den Kamin herum, assen ihre Hafergrütze und waren alle ganz zufrieden.

In der Nacht nahmen sie Mathilda - so hiess die Gans inzwischen - mit in ihr Bett, damit sie es schön warm hätte.

Als der Mann am nächsten Morgen aufwachte, war das Bett leer. Er ging die Treppe hinunter in die Küche und fand seine Frau und Mathilda am Fenster sitzend. Beide schauten in den Schnee hinaus.

„Siehst du, Mathilda“, hörte er seine Frau sagen, „da draussen ist es ganz kalt. Wir beide bleiben heute einfach hier, und machen es uns gemütlich.“

Und dann fing seine Frau an, Weihnachtslieder zu singen und Mathilda hörte zu. 

Der Mann kratzte sein letztes Geld zusammen und lief in die Stadt, um sein Auto zu holen. Und etwas Salat für Mathilda. 

Am Abend sassen sie wieder vor dem Kamin. Der Mann und seine Frau assen Hafergrütze und Mathilda ass Hafergrütze und Salat. 

Am nächsten Tag schien die Sonne, und der Mann und seine Frau gingen mit Mathilda raus und dann spielten sie im Schnee. Der Mann und seine Frau bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen und Mathilda rannte um sie herum. Der Mann hatte seine Frau schon lange nicht mehr so vergnügt lachen hören.

Am Abend sassen sie zusammen vor dem Kamin. Der Mann räusperte sich und sagte: „Also, morgen müssten wir die Gans dann schlachten.“

Seine Frau, die Mathilda gerade den Hals gekrault hatte, schaute ihn an. Der Mann schaute auf den Boden. Den Rest des Abends sagte niemand mehr etwas. Als er in der Nacht aufwachte, sah er im Halbdunkel, wie Mathilda in den Armen seiner Frau schlief, ihren Kopf an den Hals seiner Frau geschmiegt. 

Am Morgen kam der Mann wieder in die Küche. Seine Frau sass in dem Sessel am Fenster, mit Mathilda auf dem Schoss. Seine Frau kraulte der Gans den Rücken und erzählte ihr eine Geschichte. Und Mathilda hörte zu.

Als die Frau ihren Mann sah, sagte sie: „Ich habe an Weihnachten schon immer am liebsten die Klösse gehabt.“

Und der Mann antwortete: „Und ich am liebsten die Hafergrütze.“

Dann ging er los in die Stadt, um für den Weihnachtsabend einzukaufen. Klösse für seine Frau, Salat für Mathilda und Hafergrütze für alle.