Karim und der Dschinn

Der fette Dschinn war eine versoffene Koksnase, kein Zweifel, aber trotzdem Karims letzte Hoffnung. Alles, wirklich alles hatte er schon versucht, um in den Palast zu gelangen. Als Teppichhändler hatte er sich verkleidet - der Sultan hatte eine Hausstaubmilbenallergie und deswegen alle Teppiche entfernen lassen. Als Teehändler - die tranken nur Kaffee. Als Hausierer - da kassierte er grad Prügel - und als Buchhändler - anscheinend konnte niemand im Palast so richtig lesen. Schliesslich war er mit seiner, sehr begrenzten, Weisheit am Ende.

 

Karim hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, um die Hand der Prinzessin anzuhalten. Durch das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen war, waren immer wieder fahrende Sänger durchgezogen und hatten die Schönheit der Tochter des Sultan gepriesen. Schönheit war das eine Argument, das für die Prinzessin sprach, der unermessliche Reichtum ihres Vaters das andere. Sein zukünftiges Leben hatte er sich schon in seinen Träumen en détail ausgemalt: er hätte Diener und einen Leibkoch, einen persönlichen Fusswäscher, dazu die schönsten Kleider und den hippsten Schmuck. Und die schöne Prinzessin. Dumm nur, dass er ein armer Schlucker war, der es im Leben zu nicht viel mehr als zum Ziegenhirt gebracht hatte, weil er die Schule vorzeitig abgebrochen und keinen gescheiten Abschluss hatte. Immerhin sagte man im Dorf, er könne singen und auf der Laute spielen. Und er sah gut aus. Seiner Meinung nach war er damit ausreichend qualifiziert für ein Leben als Prinz. Immerhin war er aber auch intelligent genug zu wissen, dass es nicht reichen würde, sich vor den Palast zu stellen und zu sagen: „Hallo, hier bin ich und ich will die Prinzessin heiraten, einen Haufen Geld bekommen und nie wieder Ziegen hüten!“ Aus diesem Grunde hatte er sich alle möglichen Manöver einfallen lassen und war damit ebenso grandios gescheitert wie einst an Algebra.

 

Eines Tages steckte ihm einer der Bettler, die vor dem Palast ihr Dasein fristeten, dass ihm eben jener Dschinn behilflich sein könne. Gegen eine Flasche Schnaps, versteht sich. Nachdem also der fette Dschinn einen grossen Schluck aus der Flasche genommen hatte, kratzte er sich am Kopf, wiegte denselbigen hin und her und brummte vor sich hin: „Hast du die das auch gut überlegt,  mein Junge? Du willst wirklich die Tochter des Sultan heiraten? Hast du sie überhaupt schon mal gesehen?!“

„Nein, hab ich nicht, aber ich weiss, dass sie unermesslich schön und reich ist!“, antwortete Karim brav.

Der Dschinn lies einen gurgelnden Laut hören, den Karim als ein Lachen interpretierte.

„Nein, mein Kleiner, das tu ich dir nicht an. Geh wieder zurück in dein Dorf, hol deinen Schulabschluss nach und heirate ein nettes Mädchen aus deinem Ort“, sagte der Dschinn.

Karim schüttelte den Kopf. Seine Zukunftspläne würde er sich nicht von einem Hexenmeister im Delirium durchkreuzen lassen! „Wenn ich dann mit der Prinzessin verheiratet bin, lass ich Dir jeden Tag eine Flasche besten Schnapses liefern!“ versprach er.

Der Dschinn überlegte einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern. „Von mir aus“, sagte er, „wenn dir das nun absolut nicht auszureden ist…“ Er griff in einen speckigen Beutel hinter sich und holte dort ein glitzerndes Pulver heraus. „Wenn Du eine Handvoll Pulver über dich wirfst, bist du zehn Minuten lang unsichtbar“, sagte er. „Das sollte reichen, um in den Palast zu gelangen und in die Zimmer der Prinzessin zu kommen. Ab dann ist die Sache ein Kinderspiel.“ Er kicherte vor sich hin.

„Und wenn sie mich nicht will?“, fragte Karim unsicher.

„Glaub mir, sie wird dich wollen“, grinste der Dschinn. Und kaum hatte Karim ihm den Rücken zugedreht, brach er in schallendes Gelächter aus. Karim schüttelte nur den Kopf und machte, dass er zum Palast kam. Vorher kaufte er sich aber noch ein paar schickere Kleider, denn seiner Zukünftigen konnte er ja schlecht in seiner Ziegenkutte gegenüber treten, Gesang hin oder her.

 

Vor dem Palast angekommen warf er also das glitzernde Pulver über sich, nieste ein paar Male und schritt dann auf das Tor zu. Den Wachen warf er einen hochmütigen Blick zu (sie konnten ihn ja nicht sehen) und lief im Palast den vom Dschinn beschriebenen Weg zu den Gemächern der Prinzessin. Dort trat er ohne anzuklopfen ein und sprach: „Hier bin ich, dein Mann!“, zückte seine Laute und begann zu spielen und zu singen. Die Prinzessin kam aus dem Bad gelaufen, ziemlich erschrocken über den Krach, der dort plötzlich aus ihrem Vorzimmer drang. Dort stand ein ziemlich hübscher junger Mann, der weder singen noch Laute spielen konnte und vor sich hin krähte, dass er sie heiraten wolle. Das fand die Prinzessin ziemlich cool - wartete sie doch nun schon lange aufeinen Ehemann. Was ihr ihr Vater fast jeden Abend beim Essen vorhielt.

 

Als der junge Mann sie nun erblickte, erbleichte er augenblicklich und sein Gesang erstarb in einem heiseren Gurgeln. Schönheit liegt bekanntermassen im Auge des Betrachters. Karim war sich nicht sicher, WER diese Prinzessin vorher betrachtet hatte, aber schön war sie nun wirklich nicht. In seinen Augen war sie einfach nur fett und hässlich. Und als sie ihn nun erwartungsvoll mit ihrem Mund voll löchriger Zähne anlächelte, da fand er seinen Plan, einfach so in den Palast einzudringen, und die Prinzessin mit schönen Gedichten und Gesängen herumzukriegen, nur noch saudoof.

„Pardon, falsche Tür“, flüsterte er und trat den Rückzug an.

„Moooment, mein Lieber, nicht so schnell“, sagte die Prinzessin, „wen suchen Sie denn genau?“

„Ich suche die Tochter des Sultan, denn ich will sie heiraten“, krächzte Karim.

„Das bin ich. Ich bin die Tochter des Sultans und ich heirate dich sehr gerne“, strahlte die Prinzessin. Karim hatte weiche Knie. „Komm mein Lieber, wir gehen zu meinem Vater, um die frohe Botschaft zu verkünden“, sagte sie energisch und packte ihn unterm Arm. Sie war stark und Gegenwehr zwecklos.

 

„Du bist also gekommen, um um die Hand meiner Tochter anzuhalten“, grunzte der Sultan.

„Das, also, nein, also ich… ich habe mich nur im Palast verlaufen“, stotterte Karim. Er begann zu schwitzen.

„Tja, und jetzt, wo du dich hierher verlaufen hast, darfst du meine Tochter heiraten!“, sagte der Sultan und rieb sich seinen dicken Bauch. Dann klatschte er in die Hände und trug seinen eilig daher gelaufenen Dienern auf, ein Festmahl auszurichten und zwar ein Richtiges, anlässlich der Verlobung seiner Tochter.

„NEIN“, rief Karim verzweifelt, „ich werde Eure Tochter nicht heiraten!“

Der Sultan bedachte ihn mit einem giftigen Blick und winkte ihn zu sich heran: „Hör zu, du kleiner Wurm! Ich warte seit zig Jahren darauf, dass irgendein Idiot daher kommt und endlich meine Tochter heiratet! Du hast also die Wahl: Hochzeit oder Knast!“

 

Das Gefängnis des Sultans war wirklich sehr unkomfortabel. Nass, dunkel und dreckig. Trotzdem bereute Karim seine Entscheidung nicht. Aus dem Knast würde er irgendwann wieder herauskommen. Aus dieser Ehe nicht.

Obwohl… es gab noch einige andere Insassen in dem dunklen Loch und die sagten unisono aus, schon eine ganze Weile da zu sein. Karim fragte sich vorsichtig durch und tatsächlich hatten einige noch nicht mal mitbekommen, dass es mittlerweile unstatthaft war, seine Ehefrau zu köpfen, egal wie schlecht sie kochte.

 

Karim war dann doch ein wenig verzweifelt. Als er so an der Wand lehnte und die Tränen sich ihren Weg bahnten, hörte eine Stimme neben sich.

„Warum bist du hier, mein junger Freund?“, fragte ein zahnloser Alter, den er noch gar nicht bemerkt hatte, da er fast so aussah, wie die bröckelige Wand hinter ihm.

„Ich wollte eigentlich die Prinzessin heiraten, aber als ich sie gesehen hatte, wollte ich sie doch nicht mehr heiraten.“

„Warum nicht?“

„Sie ist fett und hässlich und hat schreckliche Zähne“, jammerte Karim.

„Bist du bescheuert?!“, fragte der Alte. „Hast du denn gar nichts gelernt im Leben? Egal wie jung und schön ein Mädchen ist, nach zehn Jahren Hausarbeit sehen sie eh alle gleich aus!“ Der Alte schüttelte den Kopf.

„Dann heirate du sie doch!“, rief Karim, „die nehmen jeden als Ehemann!“

Der Alte starrte ihn einen Moment an, dann rappelte er sich auf und hinkte mit seinen Stock zur Tür: „Hey, aufmachen! Ich will die Prinzessin heiraten, sofort!“, krächzte er durch die Tür. Die ging - hastewaskannste- auf und der Alte wurde über die Schwelle gezerrt.

 

Die Hochzeit war glanzvoll und teuer und aus lauter Begeisterung über seinen Schwiegersohn, der auch sein Urgrossvater hätte sein können, entliess der Sultan alle Sträflinge aus seinem Gefängnis.

 

„Hey, du versoffener Idiot, hättest du mich nicht vorwarnen können?!“, schimpfte Karim den Dschinn an.

Der blinzelte ihn verschlafen an und antwortete: „Ich hatte dir gesagt, dass du deinen Schulabschluss machen und in dein Dorf gehen sollst. Du wolltest aber nicht auf mich hören. Schon vergessen?!“

„Warum ziehen denn nur überall Sänger durch die Lande und preisen die Schönheit der Prinzessin?“, fragte Karim.

„Ach, das macht der Sultan schon seit Jahren. Er schickt die Leute los, um die Prinzessin an den Mann zu bringen. Bisher hat aber jeder auf dem Absatz kehrt gemacht, wenn er sie sah“, antwortete der Dschinn.

Karim seufzte: „Dann hexe mir doch bitte wenigstens etwas Reichtum, damit ich mein Leben geniessen kann.“

„Du bist wirklich selten doof“, antwortete der Dschinn, „meinst du nicht, ich würde mich selbst reich hexen, wenn ich es könnte? Wenn ich überhaupt hexen könnte?!“

„Kannst du nicht?“, fragte Karim entsetzt.

„Nein, wie denn?“, antwortete der Dschinn, „die Leute meinen das nur. Sie wollen daran glauben, und darum werden sie auch gesund und glücklich und finden die Frau für’s Leben und Allah allein weiss, worum sie noch alles bitten.“

„Und das Pulver? Das Pulver, das mich unsichtbar gemacht hat?“

Der Dschinn lachte und sagte: „Du warst doch gar nicht unsichtbar!“

„Aber die Wachen haben mich durch gelassen!“, beharrte Karim.

„Die haben dich durchgelassen, weil du sauber angezogen warst und mal nicht mit irgendwelchen Teppichen oder Büchern vorbei gekommen bist! Die wollen einfach nicht, dass jemand kommt und rumnervt. Prinzipiell lassen sie aber jeden in den Palast.“ Karim wimmerte leise vor sich hin.

„Man nennt dich doch den Dschinn…Dschinns können hexen.“

„Mein lieber Junge, Dschinns gibt’s nur im Märchen. Ich bin ein ganz regulärer Betrüger, der seinem Broterwerb nachgeht und Steuern zahlt, wie jeder andere auch!“

 

Da der Dschinn kein Unmensch war, half er Karim mit ein paar Gläsern Schnaps aus, bis dieser sich einigermassen erholt hatte.

Karim ging schliesslich in sein Dorf zurück. Morgens drückte er wieder die Schulbank, nachmittags hütetet er Ziegen. Tatsächlich schaffte er es sogar an die Universität und kehrte nach dem Studium als Arzt in sein Dorf zurück. Morgens arbeitete er also als Arzt und nachmittags hütete er Ziegen, die Leute zahlten eben selten pünktlich. Ab und zu kam auch der Dschinn vorbei, um etwas Landluft zu geniessen und seine Leber auszukurieren.