Massage und Murks

 

Am Empfang ein herzliches Lächeln, ein warmes Willkommen in der Oase der Ruhe und Entspannung. Man fühlt sich aufgehoben, verstanden. Jetzt eine halbe Stunde nichts tun und den Alltag vergessen. In glückseliger Leichtfüssigkeit schwebe ich barfuss in den Wellnessbereich. Tee, Liegestühle, Ruhe. Hohe Räume, ansprechende Farben, hach, das Leben kann so Luxus sein.

 

Antonella, das menschgewordene Versprechen auf Wohlbefinden, kommt mit hängenden Schultern daher geschlurft. Sportlich ist sie, mit kräftigen Händen. Zum Glück. Meine verkrampften Rückenmuskeln bibbern in freudiger Erwartung. Der Raum riecht verheissungsvoll nach Massageöl. Und ist gut geheizt. „Heiss hier“, beschwert sich Antonella. Ich, die ich bereits auf der Massageliege bin, bin froh. Bei der Massage ist man ja traditionell eher leicht bekleidet. Antonella bestreicht mich mit dem Massageöl. Und beginnt, mich mit ihren Zauberhänden zu bearbeiten. Sie zieht an meiner Taille und drückt auf meinen Rücken. Kräftig.

Antonellas Gebiet seien die medizinische Massage und die Sportmassage  heisst es auf der Homepage des Anbieters. Für Spitzenathleten. „Ich habe noch keinen einzigen Spitzenathleten massiert“, sagt sie. Vielleicht gibt es derer zu wenig. Hauptsächlich kommen gestresste Bürolakaien, die vom vielen Sitzen in ihren Stühlen schon ganz gummig sind. „Wenn die Leute nur ein bisschen was machen würden, wären sie besser dran“, konstatiert sie, während mein Trapezius unter ihren - wirklich sehr kräftigen Händen - irritiert grunzt. Antonella versteht etwas von ihrem derzeitigen Beruf. Eigentlich ist sie Innenarchitektin, Lichtdesignerin und Schwimmlehrerin. Masseusen sind aber gefragter als Innenarchitektinnen, Lichtdesignerinnen und Schwimmlehrerinnen. Und deshalb hat Antonella eine Schule für Massage besucht, zwei Jahre lang. 

Massageschulen gibt es wie Sand am Meer. Antonella würde die Ihre nicht weiterempfehlen. „Angestaubt, unprofessionell und schweineteuer“, so ihr vernichtendes Urteil. Sie nennt den Preis für die zwei Jahre Ausbildung, dreiunddreissigtausend Franken, und zumindest für das „schweineteuer“ bekommt sie damit meine volle Zustimmung.

 

Massagen gab es bereits in prähistorischen Zeiten. Offenbar ist der Mensch schon seit dem Verlassen seiner Baumnester verkrampft. Bei dem Leben, das unsere Vorfahren führen mussten, mehr als verständlich. Säbelzahntiger überall, dafür wenig zu essen, den ganzen Tag auf den Beinen, um eben dieses zu organisieren. Heute jagt der Mensch keine Mammuts, sondern Mammon. Auch das ist ein Krampf, denke ich.

 

Aus dem Nebenraum ertönen Schreie. „Der Typ kommt jeden Freitag und macht das dann die ganze Zeit, während er massiert wird“, nervt sich Antonella. Sie hat meinen Teres minor und Teres Major am Wickel. Die beiden Muskeln sind völlig verschreckt ob der ungewohnten Behandlung und würden wohl auch gerne schreien. Antonellas Verachtung für das Weichei aus der Nebenkabine erstickt aber jeglichen Protest im Keim. 

 

Sechhundertsechsundfünfzig Muskeln hat der Mensch, weiss die grösste Suchmaschine dieses Planeten. Und dass der moderne Mensch eben diese - in Ermangelung von Baumnestern und Säbelzahntigern - zu wenig benutzt. Er sitzt zu viel. In seinem Bürostuhl, vor dem Fernseher, vor dem Computer, vor dem Handy, im Flugzeug, an irgendwelchen Haltestellen … im Schnitt sieben lange Jahre seines Lebens. „Das ist der Grund für all die Rückenleiden“, so Antonella., Und weiter: „Die meisten Leute, die zu mir kommen sind auch zu dick. Dicke massieren ist schwierig.“ Meine Knochen knacksen. 

 

Der Nebenraum jault. Und Antonella lacht. Wobei ihr Lachen den verbitterten Defaitismus eines Todeskandidaten hat, der sich freut, dass sein Henker die richtige Vene getroffen hat. Nicht so richtig fröhlich. „Masseure arbeiten auf Stundenlohnbasis“, sagt Antonella, „und der ist echt mies.“ Aber auch für wenig Geld kriegt mein Latissimus jetzt sein Fett gründlich weg. „So viele Frauen über 40 haben da so eklige Hautlappen“, klagt Antonella, während sie knetet, drückt und zieht. Ich überlege - leicht gestresst - ob ich da auch irgendwelche Lappen habe und wenn ja, ob sie eklig sind. Zum Glück muss ich nicht mehr lange darüber nachdenken, denn die halbe Stunde ist um.

 

Kurz darauf heisst es für mich zurück in meine Kleider und auf den Bürostuhl. Antonella will sich einen anderen Job suchen, sagt sie. Zu wenig Geld, zu viele Dicke. Der Raum zu heiss und zu fensterlos. Wir verabschieden uns. Ich gehe einen Tee trinken. Zum Entspannen.