Das Fernziel vor Augen

 

Schutz der Meere als Marathonlauf: Aus einer Arbeitsgruppe, die sich gegen den Bau eines Delfinariums im Wallis engagiert hat, ist eine weltweit agierende Organisation geworden. Heute ist Gründerin und Präsidentin Sigrid Lüber eine international gefragte Expertin. Ein Gespräch mit ihr bei OceanCare in Wädenswil am Zürichsee.

 

 Frau Lüber, was fasziniert sie so sehr an der Unterwasserwelt?

Die ganzen Farben unter Wasser. Die Artenvielfalt, auch bei den kleinen Lebewesen. Früher hab ich mich vor Tieren gegraust, die kein Fell haben. Würmer, Schnecken… Aber als ich mit 27 anfing zu tauchen, fing ich auch an, ihre Schönheit zu sehen. Seit damals faszinieren mich nicht nur die grossen Tiere, sondern auch die kleinen.

 

Und wann wurde aus Faszination Berufung?

Das war 1989. Wir waren tauchen auf den Malediven. Während des ganzen Tauchgangs hörten wir die Delfine schnattern. Nach dem Tauchgang waren wir noch im offenen Meer und plötzlich waren da fünfzig Delfine vor uns. Sie sind dann um uns herum geschwommen. Für mich war das DAS Schlüsselerlebnis. Wieder zu Hause gründete ich die „Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz“, aus der später OceanCare hervorging. Zuerst war alles noch Mund zu Mund Propaganda. Zunächst ging ich, zusammen mit einigen anderen, gegen ein Delfinarium im Wallis vor. Fünfzehn Jahre später wurde aus der Arbeitsgruppe dann OceanCare.

 

Was waren damals, Ende 80er Jahre, die drängendsten Probleme?

Damals war der Walfang DAS Thema. Die Delfinjagd in Japan. Die Jagd auf Grindwale auf Färöer. Und der Beifang beim Fischen. 1992 war ich das erste Mal bei der Internationalen Walfangkonferenz (IWC). 1997 waren wir dann die erste Organisation, die innerhalb der IWC das Gesundheitsrisiko durch das mit Schadstoffen belastete Walfleisch thematisiert hat. 

 

Ab welchem Zeitpunkt hat sich denn die Problematik zu den heutigen Themen wie Plastik, Lärm, Übersäuerung verlagert?

Das Thema Lärm kam Anfang 2000. 2002 organisierten wir dann eine Veranstaltung mit einer Sprecherin, die über Militärsonar referiert hat. Danach haben wir eine Petition an die NATO und die EU lanciert. Im Oktober 2003 dürfte ich diese Petition persönlich im NATO-Hauptquartier in Belgien überreichen. Wir haben dann auch dem EU-Parlament geholfen, eine Resolution zu formulieren, für ein Moratorium für Militärsonar in EU Gewässern. Die wurde auch angenommen. Spanien war übrigens das erste Land, das die Resolution im Gebiet um die Kanaren umgesetzt hat. Seitdem gab es dort keine Strandungen von Walen mehr.

 

Sie sind sehr weit gekommen, auch auf politischer Ebene. Wie macht man das?

Ja, wie macht man das? Man muss beharrlich sein. Für mich war schon immer klar: Nur einfach protestieren, das ist für mich nicht das Richtige. Sich an den Tisch zu setzen, Lösungen zu suchen und Richtlinien zu erarbeiten, zum Beispiel in Sachen Lärm, und wie man den verringern kann, das ist, was ich wollte. Natürlich behaupten wir nicht einfach irgendetwas. Wir haben sehr viele wissenschaftliche Projekte, mit deren Resultaten wir versuchen, auf der Ebene der Gesetzgebung etwas zu erreichen.

 

Die Industrie hat aber auch ihre wissenschaftlichen Projekte …

Gerade in Sachen Lärm arbeiten wir nur mit Studien, die von unabhängigen Wissenschaftlern geprüft und beurteilt wurden. Und die sich schliesslich auf einen Nenner geeinigt haben. Das hat viel mehr Gewicht, als wenn die Ölindustrie kommt und sagt, so, wir haben 50 Millionen in diese Studie investiert und hier ist unser Ergebnis. Auch Regierungen wollen heute unabhängige Studien.

 

Da ist vor allem Ausdauer gefragt?

Ja, man muss immer dran bleiben. Ab 2004 war ich jedes Jahr bei der UNO in Sachen Lärm. Das nächste Jahr wird es das erste Mal beim UNO-Seerechtsabkommen eine ganze Woche um dieses Thema gehen. Die Leute vom UNO-Seerechtsabkommen haben mich auch nach Input gefragt, und das so begründet, dass ich die Erste gewesen sei, die das Thema an der UNO eingebracht habe. Es ist wichtig, Möglichkeiten und Zusammenhänge zu sehen und die richtigen Leute zu vernetzen. 

 

Was betrachten Sie heute als die grösste Bedrohung für die grossen Meeressäuger?

Sicher Lärm und Plastik. Beim Lärm sind wir schon ein bisschen weiter gekommen. Jetzt verabschiedet im Herbst die Convention for Migratory Species (CMS) Richtlinien, wie man das Thema Lärm bei den wandernden Tierarten angehen sollte. Und zwar nicht einfach Checklisten zum Abhaken, sondern richtige Vorgaben für Umweltverträglichkeitsgutachten. Wir gehen davon aus, dass diese angenommen werden. Das Problem ist dadurch noch nicht gelöst, aber ein wichtiger Schritt getan. Aufgrund unserer Arbeit beschloss die EU 2014, dass Umweltverträglichkeitsgutachten nicht nur für die Ölförderung, sondern auch für die Ölsuche notwendig sind.

 

… und Plastik?

Beim Plastik ist das Problem, dass immer noch zu viel Plastik in die Meere gelangt. Man muss die Leute dazu bringen, dass sie ihren Plastikmüll richtig entsorgen. 80 % vom Plastikmüll im Meer ist Eintrag vom Land. 

 

Hat sich die Situation in Europa da nicht verbessert?

Nein, man muss nur die ganze Take-Away-Industrie anschauen. Unseren Lebensstil. Wir müssen weg von den Einwegsystemen. Plastik ist ein Material - für die Ewigkeit gemacht, für den einmaligen Gebrauch gedacht.

 

Welches ist die grösste Gefahr für das Ökosystem Meer als Ganzes?

Vor allem die Übersäuerung. Das Meer nimmt etwa 50 % vom CO2 aus der Luft auf und wird dadurch immer saurer. Da gibt es Organismen, Mollusken (Weichtiere, wie Schnecken und Muscheln, Anmerkung der Autorin) zum Beispiel, die das besser vertragen als andere Tiere. Aber diese Problematik wird einen grossen Einfluss auf die marine Biologie haben.

 

Welches der Probleme wird sich am ehesten lösen lassen?

Das Plastikproblem wird und muss sich lösen lassen. Das ist so sichtbar, das muss man niemandem mehr erklären. Lärm und Übersäuerung sind weit komplexer, weil man sie nicht sieht. 

 

Und auf dem offenen Meer zieht Plastik seine Kreise.

Im Moment gibt es noch keine Reinigungsaktionen auf dem offenen Meer, die nicht selber schädlich sind. Da werden noch viel zu viele kleine Fische, junge Schildkröten oder Kleinstlebewesen, die sich dazwischen aufhalten, mitgefangen.

 

Im Juni dieses Jahres hat der UNO Meeresgipfel in New York stattgefunden. Sie waren dabei …

Ja. Da gab es etwa 1300 Absichtserklärungen was man erreichen will bis 2020. Viele Länder sind dabei. Kanada, beispielsweise, verbietet Mikroplastik bis Mitte 2018. Die Malediven wollen auf ihren über tausend Inseln Plastiksäcke verbieten. Diese konkreten Eigenverpflichtungen werden messbar sein, die sie öffentlich auf der UN Ocean Webseite einsehbar sind.  

 

… aber freiwillig …

Ja, aber wenn ich mich freiwillig verpflichte und das auf einer offiziellen Webseite publiziere, dann ist das ja schon in meinem eigenen Interesse, dass ich das auch erreiche. Ich war noch nie an einer Konferenz wie dieser, alle waren so positiv und entschlossen, und alle wollten etwas beitragen - auch die Binnenländer. Es steht und fällt aber schon alles mit der Umsetzung und ob man dieses Momentum auch aufrechterhalten kann.

 

OceanCare hat viele Schwerpunkte. Welcher liegt Ihnen besonders am Herzen?

Mir liegt alles sehr am Herzen, aber am meisten beschäftigt mich sicherlich der Lärm. Ich leide selber sehr unter Lärm. Ich habe so viele Informationen, die auf mich einprasseln, Tag für Tag, Woche für Woche, da brauche ich einfach Ruhe.

 

Und die Zukunft der Meere? Leben irgendwann nur noch Quallen und Tintenfische im Ozean?

Nein, das glaube ich nicht. Natürlich braucht es viel Zeit - vom anders denken zum anders handeln, aber ich stelle immer wieder fest, dass sehr viel in Bewegung ist. Und die Natur und auch das Meer haben eine wahnsinnige Regenerationsfähigkeit. Wenn es uns gelingt, die Schutzgebiete und die verschiedenen Schutzmassnahmen durchzusetzen, dann gibt es auch eine echte Chance, dass das Meer ein lebendiger Lebensraum bleibt. Es gibt so viele gute Leute, die wirklich etwas machen wollen. Auch in den Regierungen und in den Firmen. An diesen Konferenzen sind immer mehr Leute, die auch die Macht haben, etwas zu verändern, und dies auch wollen. Ich glaube, dass da tatsächlich ein Umdenken stattfindet.

 

 

Infokasten OceanCare

Aus der „Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz“ von 1989, ist der Verein Oceancare mit heute etwa 23000 Mitgliedern im deutschsprachigen Raum entstanden. Sitz des Vereins ist in Wädenswil/ZH. Heute hat der Verein sieben Mitarbeiter, dazu mehrere externe Berater. OceanCare nimmt seit 1992 an den Tagungen der Internationalen Walfangkommission (IWC) teil. Seit 2011 ist OceanCare Sonderberaterin der UNO in Sachen Meeresschutz. OceanCare ist weltweit vernetzt, unterstützt Forschungsprojekte und Umweltbildungskampagnen, meist mit Partnerorganisationen vor Ort. Ebenfalls weltweit, setzt OceanCare sich für Schutzzonen ein. Erfolge konnte OceanCare bisher einige verbuchen: So sind seit Anfang 2017 Umweltverträglichkeitsprüfungen vor lärmintensiven Aktivitäten in den Gewässern der EU Pflicht. Auf Druck von OceanCare gibt es seit 2012 ein Importverbot für Wale und Delfine in die Schweiz. Der Verein finanziert sich über Mitgliedschaften und Spenden, sowie Projektunterstützung durch Stiftungen.

 

 

 

 

 

Krisengebiet Ozean

 

Trophäenjagd 

Touristenagenturen verkaufen für viel Geld indigene Jagdquoten für Eisbären. Vielfach werden Sozialstrukturen zerstört, da die Jäger die ältesten und erfahrensten Tiere töten. Die Gelder dienen nicht dem Artenschutz, wie so oft behauptet, da die Touristenagenturen sie einstreichen.

 

Übersäuerung

Die Konzentration an Kohlendioxid in der Luft  ist seit Beginn des Industriezeitalters signifikant gestiegen. Und mit ihr auch der Kohlendioxidgehalt der oberen Wasserschichten.. Das gelöste Kohlendioxid wird zum Teil zu Kohlensäure, welche das Wasser sauer macht.

 

Fernfischerei

Die grossen Industrieländer schicken ihre Fangflotten an die Küsten Afrikas. Für die lokalen Fischer bedeutet das den Ruin. Aus diesem Grund jagen sie bedrohte und eigentlich geschützte, Arten: Manati, Meeresschildkröten oder Delfine. Oder vom Aussterben bedrohte Landtiere.

 

Schiffahrt

Grosse, schwere und immer schnellere Schiffe kollidieren häufig mit grossen Meeressäugern. Die Schrauben verletzen oder töten die Tiere. So hat sich der Bestand an Pottwalen im Mittelmeer bereits drastisch reduziert, unter anderem wegen der Schiffe. 

 

Militär 

Zeitgleich mit Militärmanövern treten häufig Massenstrandungen von Meeressäugern auf. Verantwortlich ist mutmasslich das Low Frequency Active Sonar (LFAS), das U Boote über grosse Entfernungen ortet.

 

Jagd

Trotz internationaler Abkommen jagen vier Länder weiterhin die grossen Meeressäuger: Japan, Grönland, Island und Norwegen. Japan jagt zu Forschungszwecken. Norwegen und Island haben Einspruch erhoben gegen das Moratorium der IWC, weswegen es für sie nicht bindend ist.

 

Erdölindustrie

Druckluftkanonen, mit deren Hilfe unterseeische Erdölfelder kartographiert werden, verursachen viel Lärm. Sie stören die Orientierungssinne der Meeresbewohner, töten Fischeier und -larven und vertreiben Fische aus ihren Habitaten.

 

Highgrading

Fischer werfen dabei zuerst gefangene, aber weniger gewinnbringende Fische über Bord, wenn sie einen Schwarm mit grösseren und teureren Exemplaren orten. Highgrading ist illegal, Kontrollen aber schwierig.

 

Aquafarming

Eine Aquafarm verschmutzt das Meer so stark, wie eine Kleinstadt es an Land tun würde. Gefüttert wird mit Futterpellets aus Wildfängen. Diese Pellets werden mit dem an Land verbotenen Pflanzenschutzmittel Ethoxyquin behandelt, welches dann auch im Lachs nachweisbar ist.

 

Fischerei

Hier prallen beim jährlichen Fangquotenroulette wirtschaftliche Interessen auf umweltbedingte Tatsachen. Wird z. B. der Dorschfang in der westlichen Ostsee nicht um 90 % zurückgefahren, wird es in absehbarer Zeit keine Dorsche mehr geben. Die EU Minister haben eine Reduktion von 56 % für 2017 durchgesetzt - gegen den Protest der Fischereiindustrie.

 

Verschmutzung

Die Meerstiere fressen häufig Plastikmüll in den Meeren und verhungern dann mit vollem Magen. Aber auch Düngemittel, Schwermetalle, Erdöl und radioaktives Wasser verseuchen die Weltmeere. Schwermetalle binden an Plastikpartikel und landen schliesslich, da diese von den Tieren gefressen werden, auf den Tellern der Menschen.