Sommer, Sonne, Suppenküche

 

Palma de Mallorca steht für historische Gebäude, die Kathedrale La Seu, die Luxusyachten im Hafen. Die schicken Läden, die tollen Restaurants, die malerische Altstadt. Und für eine unbeschreibliche Armut, die nicht verborgen und dennoch unbemerkt ist.

 

Nach dem fünften Bettler ist das Kleingeld alle. Nicht gut für die anderen zwanzig, die in unmittelbarer Nähe sitzen und nun leer ausgehen. Und gar nicht gut für den Touristen, der jetzt mit deren Beschimpfungen leben muss. Doch die Lautesten sind nicht die Ärmsten: Viele gehören zur rumänischen Bettelmafia, die die Leute morgens, mit Pappschildern und Bechern ausgestattet, in der Stadt ablädt und dort abends wieder einsammelt. Diese sogenannten Gitanos werden von Hintermännern, die auf dem spanischen Festland sitzen, gesteuert. Dort müssen sie dann ihren „Verdienst“ abliefern. Betrüger, die für Betrüger arbeiten und sehr aggressiv vorgehen. Dabei vertreiben sie die echten Bedürftigen von ihren Plätzen.

 

Luxus und Arbeitslosigkeit

Denn neben den lautstark fordernden Gitanos gibt es echte Arme und echte Bedürftige auf der Insel. Die werden in Palmas Innenstadt schnell übersehen. Der Luxus und Reichtum in Palma fällt dem Besucher zuerst auf. Die gut ausgebauten Strassen und die schmucken Häuser in der Innenstadt. Der Yachthafen, in dem Millionen gut vertäut auf dem Wasser liegen. Die edlen Villen, die sich auf den umliegenden Hügeln ausserhalb der Stadt ausgebreitet haben. Die teuren Geschäfte mit Schmuck, Schuhen und Kleidern. Und doch - es gibt sie: die Armen der Insel. Und zwar in grosser Zahl. Die Wirtschaftskrise hat vor Mallorca nicht haltgemacht. Als die Immobilienblase in Spanien platzte, gingen viele Bauunternehmer auf der Insel pleite. Und mit ihnen die zuliefernden Handwerksbetriebe. Die Arbeitslosenquote auf der Insel liegt derzeit bei 28 %.

 

Arm trotz Einkommen

Die, die Arbeit haben, kämpfen mit steigenden Mieten und niedrigen Löhnen, einem altbewährten Mittel, um Menschen in den Ruin zu treiben. Arbeitnehmer auf Mallorca verdienen im Schnitt brutto gerade mal 22,000 Euro im Jahr, Rentner bekommen im Schnitt 7200 Euro im Jahr. Da stellt sich für viele die Frage: Essen oder wohnen? Die Misere macht sich auch in der Armenküche Zaqueo im Zentrum von Palma bemerkbar: Kamen früher hauptsächlich Drogensüchtige, sind es heute Arbeitslose oder Rentner, denen es nicht zum Leben reicht.

 

Kein Glück für Ritter

Auch mancher Aussteiger, der mit seiner vermeintlich genialen Geschäftsidee scheiterte, findet sich in dem immer grösser werdenden Heer der Armen wieder. Die Brücken zu Familie und Freunden in der fernen Heimat haben sie meist abgebrochen, der Rückweg ist versperrt. Viele wollen gar nicht zurück, sie sind schon früher von der einen Misere in die andere geflüchtet. Einen Anspruch auf Sozialhilfe haben Ausländer nicht. Aber auch Spanier bekommen nur dann Sozialhilfe, wenn sie Einkünfte von weniger als 2250 Euro im Jahr (sic!) haben.

 

Arm im Touristenstrom

Caritas schätzt die Zahl der Mittellosen bei Mallorca auf etwa 300,000 Menschen. Das entspricht einem Drittel der Inselbevölkerung. Das Rote Kreuz gibt die Anzahl der Obdachlosen in Palma mit über tausend Personen an. Und nicht alle sind abgestürzte Süchtige - auch einige ehemalige Mittelständler befinden sich darunter. Konnten wegen der Arbeitslosigkeit die Kreditraten für die Wohnung nicht mehr bezahlt werden, wurden viele - früher gut situierte - von der Bank auf die Strasse gestellt.

 

Echte Armut ist leise

Sieht man sich nun genauer um auf den Strassen und Plätzen der Innenstadt, kann man sie sehen. Menschen, die neben grossen Müllsäcken auf Bänken liegen. Menschen, die auch bei 25 Grad plus Wollpullover und Jacke tragen, dazu eine abgewetzte Hose und ausgetretene Schuhe - wahrscheinlich alles, was sie an Kleidung besitzen. Menschen, die still hinter mehrsprachigen Pappschildern sitzen. Armut ist nicht laut und fordernd wie ein Gitano. Nicht dreist und aufdringlich wie ein afrikanischer Strassenhändler mit seinen gefälschten Gucci Brillen. Armut ist leise und hoffnungslos. Sie sitzt dort, wo die Touristen vorbei strömen. Direkt daneben.