Surprise - Reise in die andere Welt von Zürich

 

Denkt man an Randständige, hat man schnell das Bild von ungepflegten, alkoholisierten Gestalten vor Augen. Dabei ist „Randständiger“ letztendlich nur ein Begriff für das Leben ausserhalb der gesellschaftlichen Mitte. Und das ist so vielfältig wie jene, auf die diese Bezeichnung zutrifft. Ein Spaziergang mit zwei Menschen, die dieses Leben in Zürich kennen.

 

Sein piratenhaftes Äusseres hat Ruedi Kälin, neben seiner Vita, schon viel Aufmerksamkeit beschert. Alle sind schon da gewesen - der Tagesanzeiger, der Beobachter, der Blick, die NZZ. Inzwischen gilt der Bündner als „Zürcher Stadtoriginal“. Starallüren hat er aber keine: „Ich mach das gerne“, sagt Kälin. Andere an seinem Leben teilhaben zu lassen, ist Teil seines Jobs. Mehrmals die Woche führen er und sein Freund Peter Conrath durch ein, dem Normalbürger unbekanntes, Zürich: das Zürich der Randständigen und ihrer Anlaufstellen. Der Verein Surprise organisiert die als „soziale Spaziergänge“ bekannten Rundgänge. Zweieinhalb Stunden dauert eine Tour und kostet für Erwachsene 30 Franken. Die Stadtführer werden vom Verein intensiv betreut. Man trifft sich wöchentlich, um mit ihnen die Texte zu Stationen und Biografie zu überarbeiten. Denn: „Die Stadtführer sollen eine professionelle Haltung zu ihrer Biografie einnehmen“, sagt Carmen Berchtold, Koordinatorin der Rundgänge in Zürich. Ein Aufwand, der sich lohnt: Ein sozialer Spaziergang ist eine Reise in eine andere Welt.

 

 

Unsere Tour an diesem Tag beginnt am Theater am Hechtplatz. Kälin und Conrath sind leicht zu finden, die roten Jacken mit dem Surprise-Schriftzug leuchten über den ganzen Platz. Sie stellen sich vor, man ist per Du. Ohne grosses Eingangsgeplänkel starten wir unseren Rundgang und laufen zur ersten Station: zur „Herberge zur Heimat“. Ein unscheinbares Haus in einer kleinen Seitengasse. Dort finden Männer ein Zuhause, die sonst nirgendwo mehr zu Hause sind. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie nicht mehr vermittelbar. Gründe? Meist Alkohol oder psychische Probleme. In der Herberge können die Bewohner mithelfen und werden bei Bedarf beraten. 

 

Einmal falsch abgebogen - der Weg in die Randständigkeit

 

Wir setzen uns in den blitzblanken Essraum, unsere beiden Stadtführer stellen sich vor. Conrath beginnt: „Ich wollte nie hungern“, begründet der gelernte Koch seine Berufswahl. Er tätschelt seinen Bauch: „Das hat auch geklappt.“ Der Grossküchenbetrieb schadete seiner Gesundheit, Routine verabscheut er allemal, und so wechselte er immer wieder den Job. Seine Probleme begannen, als er für einen Freund bürgte, „dummerweise ohne notarielle Absicherung“, der zahlungsunfähig wurde. Dessen Schulden wollte Conrath nicht übernehmen, also meldete er Privatinsolvenz an. Sein Job beim Sicherheitsdienst war damit weg: Als Insolventer sei er nicht vertrauenswürdig. Aber erst nach der Kündigungsfrist, denn die musste er noch abarbeiten. Später investierte er in ein eigenes Umzugsunternehmen, hatte einen Unfall - und verlor alles. Da er nicht versichert war, frass sich seine Arbeitsunfähigkeit durch all seine Ersparnisse, schliesslich musste er sich verschulden. Die Schulden und Schwierigkeiten, einen Vollzeitjob zu finden, brachten ihn schliesslich zu Surprise. Er endet an dieser Stelle.

Nun ist Kälin dran. Anders als der ruhige, etwas behäbige Conrath, tritt er von einem Fuss auf den anderen, ist die ganze Zeit in Bewegung. Auch seine Biographie ist bewegt: Zu früh und mit Herzfehler geboren, wurde aus dem zierlichen Kälin trotzdem ein Sportler, der eine Karriere vor sich hatte. Oder vielmehr, gehabt hätte: Sein Vater beging Selbstmord, kurz vor Kälins 17. Geburtstag. Der Traum seines Lebens, eine Karriere als Eishockeyprofi in Kanada, war damit zerstört. Das Angebot von dort war gekommen, nur Minuten bevor er vom Tod seines Vaters erfuhr. Nun musste er für Mutter und Schwester sorgen. Fleissig war er, aber nicht sehr anpassungsfähig. „Manchmal hab ich mein Temperament nicht im Griff“, sagt er. Mehrfach wechselte er die Stelle. Als seine Grossmutter starb, bei der er grösstenteils aufgewachsen war, warf ihn das völlig aus der Bahn. Monate brauchte er, um wieder auf die Beine zu kommen. Irgendwann fand er Arbeit und Wohnung in Zürich. Nach einigem Gezänk mit dem Vermieter zog er auf die Strasse: „Ich wollte keine Wohnung suchen, die Wohnung sollte mich finden.“ Danach lebte er auf der Strasse, für mehr als sieben Jahre.

„Du hast heute zwei Sekunden länger gebraucht als letzte Woche“, neckt Conrath Kälin. Der verzieht den Mund unter dem grauen Vollbart und tippt in seinem Handy und aktualisiert seine Statistik.

 

 

Wir verlassen die Herberge und gehen weiter zum „Haus zum Loch“. Dort befindet sich im ersten Stock das Blaue Kreuz, eine Anlaufstelle für Alkoholiker. Das Haus zum Loch ist gerade neben dem Grossmünster. Menschenmengen schieben sich an uns vorbei. Eine elegant gekleidete Dame rennt fast in Kälin, hat ein Beinahe-Zusammenstoss mit seiner filzigen, grauen Haarmatte, die über seinen Rücken herunter hängt. Ihr Blick? Undefinierbar. Conrath erzählt die Geschichte vom Blauen Kreuz: 1877 gegründet von dem Genfer Pfarrer Lucien Rochat, werden dort heute Alkoholabhängige und deren Angehörige beraten. Es gibt zwar eine Mädchengruppe, wo sich die Töchter alkoholabhängiger Eltern austauschen können, aber keine solche Gruppe für Jungen. „Das ist mir unverständlich“, sagt Conrath.

Kälin erzählt aus seiner Sportlerkarriere: Vor einem seiner Fussballspiele hatte der Trainer die Spieler „in den Ausgang“ gelassen. Die Mannschaft verlor das anschliessende Spiel völlig verkatert, da half auch Kälins Ehrentor nicht mehr. „Mit Alkohol kann man keine Leistung erbringen“, resümiert er.

 

Das Strassenleben

Wir wechseln auf die andere Seite der Limmat, zum „Uraniabogen“. Das ist Strassensprache: „Wenn einer vom Bogen redet, redet er von seinem Schlafplatz“, erklärt Kälin. Letzten Endes ist der „Bogen“ also ein Obdachlosenschlafplatz oberhalb des Gebäudes der Stadtpolizei Zürich. Von Conrath und Kälin als „Vier-Sterne-Hotel“ angepriesen, kann man sich nur schwer vorstellen, dass man dort des Nachts ein Auge zubekommt. Zum einen zieht ein eisiger Wind unablässig durch den „Bogen“, zum anderen lärmt der Verkehr pausenlos. Man sei hier immerhin alleine und habe Ruhe vor den anderen Obdachlosen, erklärt Conrath, und: „Achtzig Prozent der Obdachlosen leben freiwillig auf der Strasse“.

Wie Kälin, zum Beispiel. Der erzählt von seinem Strassenleben: Er sei nie krank gewesen, früher, im Gegensatz zu heute, sagt er. Ganz so romantisch kann es aber dann doch nicht gewesen sein. Sportlich ist er zwar, wirkt aber älter als 58 Jahre. Damals hatte Kälin mehrere Schlafplätze: im Sommer am See, bei Regen unter Dach am Bucheggplatz, im Winter in einer Gärtnerei. Dem Inhaber der Gärtnerei, einem FCZ Fan, nahm er den Fussball-Aufkleber vom Spiegel über dem Waschbecken, und hängte den vom Hockeyclub Davos hin. Der HC Davos ist seine grosse Liebe. Wie Sport allgemein: Beim Surprise Strassenfussball ist er immer dabei, als Trainer und als Spieler. Auch zu Tieren hat er besonderes Verhältnis: Am See besuchte ihn regelmässig eine Ente, die nachts zu seinen Füssen schlief. Gefrühstückt wurde dann gemeinsam. Zu dem Zimmer in Chur, in dem Kälin mittlerweile zur Untermiete lebt, gehören zwei Katzen. Die eine helfe ihm bei seinen Finanzen, die andere schaue TV mit ihm: „In die beiden Katzen hab ich mich verliebt.“

Weder Conrath noch Kälin haben je Sozialhilfe in beansprucht. „Ich hab zwei gesunde Hände, ich kann arbeiten“, erklärt Conrath. Auch Kälin hat immer selbst für sich gesorgt: Das Surprise Magazin verkauft er seit 2000. Als Stadtführer fing er 2014 an. Als das erste Bild von ihm in einer Zeitung erschien, sagte seine Schwester, sie habe ihn noch nie so glücklich gesehen, so Kälin.

 

Wir überqueren wieder die Limmat, dieses Mal auf dem Mühlesteg, wo sich zahlreiche Liebesschlösser befinden. „Das sind all meine Enttäuschungen“, sagt Kälin. Conrath merkt an, dass Kälin darüber schon häufiger gewitzelt habe. Zumindest Conrath hat Kälin bisher wohl nicht enttäuscht: Die beiden sind schon lange befreundet. Und obwohl Conrath immer ein Zimmer hatte, übernachtete er früher manchmal bei Kälin draussen, einfach „weil’s so schön ist“. Zumindest  dann, „wenn’s nicht so kalt ist“.

 

Freunde zu allen Zeiten

Wir laufen weiter zum Grillstand „Calypso“ im Niederdorf. Dort haben sich Conrath und Kälin 2006 kennengelernt. Conrath briet dort Würste, Kälin ass dort Würste. Mit der Zeit kannte Conrath alle Stimmungszustände Kälins: „Wenn es dem Ruedi gut gegangen ist in der Winterzeit, hat er die erste Viertelstunde nur vom HC Davos geredet. Im Sommer war Surprise dran. Wenn beide Themen kamen, dann war es auch finanziell ein guter Tag.“

 

Kälin erklärt sein Buchhaltungssystem: Er führt genau Buch über seine Verkäufe und versucht, jeden Monat des Jahres besser zu sein, als im jeweiligen Monat des Vorjahres. Verkäufer verdienen mehr als Stadtführer. Kälin verkauft aber gerne, dazu ist es ihm wichtig, seine monatlichen Ausgaben über die Magazine zu decken. Ausserdem habe er Stammkunden zu versorgen, lässt er uns wissen. Conrath nennt Kälin einen „Tüpflischiesser“. Den Tüpflischiesser quittiert Kälin mit einem Lächeln. 

Zu Surprise kam Conrath denn auch über Kälin. Als Conrath 2007 aus finanzieller Not anfing, Surprise Hefte zu verkaufen, wurde er gleich in Stunde eins von einem Passanten als „nichtsnutziger Alkoholiker“ beschimpft. Er wollte hinschmeissen: „Man kommt sich eh schon blöd vor, wenn man da so steht“, doch Kälin konnte ihn zum Weitermachen bewegen. „Heute geht es ins eine Ohr rein und zum anderen raus“, beteuert Conrath, „Fünfundneunzig Prozent der Leute sind freundlich und höflich.“ Seit ein paar Jahren hat er einen Teilzeitjob im Lager eines Take-away am Bahnhof. Bei Surprise arbeitet er heute fast ausschliesslich als Stadtführer. Ob er alles noch einmal gleich machen würde? Das meiste schon, bürgen würde er aber für niemanden mehr. 

 

Wohin mit Hunger?

Wir halten bei einem der Häuser in der Häringstrasse im Niederdorf. Dort ist die Strassenküche Speak-out. Insiderwissen, das Haus ist nicht angeschrieben. Jeder kann dort abends eine warme Gratismahlzeit erhalten. Jeder? „Auch die luxuriös Angezogenen“, sagt Conrath mit Blick auf die Spaziergruppe. Das Speak-out war ursprünglich ein Jugendtreff. Später erst Jugend-, dann Drogenberatung und schliesslich Schlafstelle für Obdachlose. Allerdings nicht betreut, was zu Problemen führte: Nach einem Brand forderte die Stadt, dass die Nächte beaufsichtigt würden. Dafür fand sich aber niemand, denn: „Wer will sich schon freiwillig die Nächte um die Ohren schlagen, wenn es nicht um den Ausgang geht?“, begründet Conrath die fehlende Bereitschaft, diese Forderung umzusetzen. Seit 1993 kocht ein Freiwilligenteam für Bedürftige. Die Stadt Zürich unterstützt das Speak-out jährlich mit 32,000 Franken. Geld kommt auch von privaten Spendern. Die Räumlichkeiten sind beengt, die Küche, in der jährlich 7,500 Personen bekocht werden, ist kleiner als in den meisten Privathaushalten. 

 

Die Zeit läuft. Conrath und Kälin beeilen sich auf dem Weg zu unserer letzten Station, dem Café Yucca. Das Café ist ein heller, warmer Raum. Auf einer Theke sind Spiele zum Ausleihen. Das Café Yucca arbeitet mit Tischlein-deck-dich zusammen, einmal die Woche werden Lebensmittel an Menschen, die wenig, bis gar nichts verdienen, abgegeben. Es sind einige Menschen da, jeder sitzt für sich an einem Tisch. „Die sind sich nicht immer alle ganz grün“, wird Conrath uns später erzählen. Wir gehen in den Andachtsraum. Ein kleiner Altar mit Engel steht dort, an der Wand hängen zwei Gitarren. Einer der Mitarbeiter gibt Obdachlosen Gitarrenunterricht, sein Lohn ist eine Schachrunde mit dem Schüler. „Der spielt halt so gut, dass das sonst keiner freiwillig macht“, sagt Conrath.

 

Und weiter?

Unsere Surprise Tour endet hier. Zukunftspläne? Conrath wird im Spätsommer schuldenfrei sein. Seit dem Unfall und dem anschliessenden Schuldenberg hat er innerhalb von vier Jahren 80,000 Franken zurückgezahlt. Sein Chef beim Take-away hatte ihm versprochen, dass er in den Verkauf kommen könne, wenn er schuldenfrei sei. Zusätzlich würde er zum Fachleiter ausgebildet. Nun ist dieser Chef weg, der Neue hält sich bedeckt. „Ich hoffe, es klappt trotzdem“, sagt Conrath unsicher, doch er hofft. 

Kälin hat sich ein Stück weit zur Mitte der Gesellschaft hinbewegt: Seit einem Jahr hat er ein Konto und auch eine ID. Und einen Traum: ein Meistertitel für den geliebten HC Davos. Er zwinkert und lächelt: „Träumen kann man immer.“